TEST THE BEST!!!
Vergleichstest aus der "MOTORRAD", Ausgabe 19 / 1985 zwischen den US-Powerbikes Yamaha Vmax, Kawasaki ZL900 Eleminator, Honda VF 1100 C und der Suzuki 1200 Madura

[ Technische Daten und Meßwerte ]
Der Zeitpunkt könnte gar nicht passender sein. Rechtzeitig zum hundertsten Geburtstag des Motorrads hat Yamaha die Revolution auf zwei Räder gestellt: die Vmax. Sie ist metallgewordener Aufschrei gegen PS-Beschränkung und Speedlimit, gegen Recht und Ordnung kleinbürgerlicher Geister.

Vier Zylinder und 145 PS gegen alle Vernunft der Welt, der ganz coole Wahnsinn. Die Vmax ist ein wildes Tier im Dschungel der Paragraphen und Vorschriften. Sie will nicht einmal schön sein. Chrom und Farbe trägt sie wie Conan der Barbar seine Kette aus Bärenzähnen.

Ein Ritt auf dem Tiger? Weit gefehlt. Der Umgang mit einem Motorrad, das sich 45 Prozent jenseits der Legalität bewegt, ist unheimlich aufregend. Aber auch erstaunlich friedlich. Vmax-Fahrer sind besonnene Piloten, denn wer um seine überlegene Kraft weiß, der muß sie nicht ständig zur Schau stellen. Denn der bärenstarke V4 verströmt gelassene Autorität, die Mißbrauch von selbst verbietet.

Dafür sorgt vor allem sein gigantisches drehmoment. Vollgas im Drehzahlkeller läßt die Yamaha vom Scheitel bis zur Sohle im Rhythmus der Detonationen des 1,2-Liter-Kraftwerks erbeben. Trotz des vehementen Antritts wirkt die Muskelshow noch nicht sonderlich spektakulär, zumal die beiden schenkeldicken Auspuffsäulen sonor vor sich hin ballern.

Doch bei 6000 Touren ändert sich das schlagartig. Das Tier erwacht, die Vmax brüllt los und läßt den Hammer fallen. Drehzahlgesteuerte Drosselklappen öffnen Kanäle zwischen den Ansaugrohren. Jeder Zylinder wird nun von zwei Vergasern getränkt, mit schierer Gewalt, wie es scheint.

Der Lenker verwandelt sich in eine Haltestange, bestrebt, die Arme des Piloten langzuziehen. In den Adern scheint nur noch Adrenalin zu fließen, und der Schub hört einfach nicht auf.

280 Kilogramm Stahl und Aluminium fliegen auf den Horizont zu, im Kopf schrillen die Alarmglocken. Aber der Bauch kann sich nicht sattsaufen an all der Kraft und der Herrlichkeit aus dem schwarzen, zerklüfteten Motorkunstwerk, das sich in zugeschnürter Form im Tourer XVZ 12 so schrecklich langweilt.

Vmax fahren ist eine ausschließliche Angelegenheit. Alles um Mensch und Maschine verkommt in den kurzen Sekunden der atemberaubenden Beschleunigung zur Kulisse, die Vmax fordert absolute Zuwendung und Konzentration und das bekommt sie auch.

Dabei benimmt sie sich eigentlich ganz wohlerzogen. Sogar in Kurven. Mit respektvoll dosierten Schwenks am Gasgriff läßt es sich herrlich über ausgiebig gewundene Landstraßen swingen. Daß die Fußrasten die Schräglagen begrenzen, ist nicht weiter tragisch. Die nächste Gerade kommt bestimmt.

Dann gilt es den Buckel krumm zu machen, die Luft anzuhalten und sich in die Sitzschale knallen zu lassen. mit der Vmax fährt man nicht, sondern bewegt sich in langen Sätzen. Nicht nur beschleunigen kann die Yamaha, sondern auch das Gegenteil. Die drei innenbelüfteten Bremsscheiben geben sich jedenfalls alle Mühe, den Vorwärtsdrang der Vmax im Zaum zu halten. Bei geschlossenen Drosselklappen gurgelt die Yamaha mitleiderregend in ihren vier Vergasern und verlangt nach Futter. Sie ist schier unersättlich, zehn Liter verschwinden auch bei mäßigem Tempo allemal in ihren Eingeweiden. Was für eine Erinnerung bleibt an die Vmax? Vor allem ihr Autogramm, das sie in langen, fetten, schwarzen Strichen überall auf den Asphalt gemalt hat.

An Souveränität fehlt es der Kawasaki Eleminator ein bißchen. Nicht nur, weil sie übersetzt auf den schwachsinnigen Namen Beseitiger hört. Schon im Stand lungert sie herum wie der schwarze Rächer. Flach, geduckt und lang hingestreckt kauert sie auf der Straße, wie zum Sprung bereit. Die vielen Seitendeckel und sparsame, aber effektvolle Chromzier lassen sie seltsam zerklüftet erscheinen. Wie ein fahrbarer Untersatz von Han Solo in Star Wars, ein Wesen aus einer anderen Welt, oder einfach Black Power.

Die Eleminator ist eine Beschleunigungsmaschine, zu nichts anderem gebaut als für den Kurzstreckensprint. Deshalb mußte sich auch ihr GPZ 900 R-Motor einige Eingriffe gefallen lassen. kleinere Vergaser und geänderte Steuerzeiten haben die Leistungsspitze gekappt, aber für ein saftiges Drehmoment gesorgt.

Die Eliminator nimmt denn auch bei 1000 Touren ohne zu murren Vollgas an. Bei mittleren Drehzahlen scheint sie den Kardan in einen Korkenzieher verwandeln zu wollen. ein neuer Superlativ unter den Gummiwaren, die 172 Milimeter breite Hinterradwalze, sorgt dafür, daß die Eleminator bis 100 km/h genauso gut beschleunigt wie die Vmax - trotz eines Hubraumhandicaps von 300 ccm und eines Leistungsdefizits von über 30 PS. Während die Yamaha noch mit Radierungen beschäftigt ist, setzt das Kawasaki-Hinterrad die 107 PS klaglos in Vortrieb um.

Doch das alles wirkt halt viel angestrengter, die Eleminator scheint man schon sadistisch zu prügeln, wenn es der Vmax erst richtig Spaß macht. Doch der Reihenvierer schreit beim Hochdrehen, er brozzelt und schießt im Schiebebetrieb wie ein reinrassiger Rennmotor, und das hat auch seinen ganz spezifischen Reiz.

So verführt die Eleminator ein wenig zum Schnellfahren. Doch dafür ist sie nur geeignet, wenn nicht allzu viele Kurve den Weg versperren. Sie setzt nicht nur früh auf, sondern fährt in schnellen Kurven auch mit stocknüchternem Fahrer gern Schlangenlinien.

Deshalb empfiehlt es sich, auf ihre eigentlichen Qualitäten zurückzugreifen - das Beschleunigen. Dann scheint die Eleminator all ihre Muskeln anzuspannen, reduziert die ohnedies stramme Federung auf null und schießt, anscheinend mit Katzenbuckel, im freien Flug über jede Bodenwelle. Auf glattgebügeltem Asphalt ist Black Beauty kaum zu schlagen, wie die Vmax ein rassereiner Sprinter, der aussieht, als wäre er geradewegs vom Dragstrip entlaufen.

Ganz anders sind die beiden Krafträder von Honda und Suzuki. Bei uns heißen solche motorrader Chopper, in Amerika viel treffender Cruiser. Genau, das sind sie, Straßenkreuzer, bequeme Fernwehsessel zum Bummeln und Genießen, zum Sehen und Gesehenwerden. Weil kraft sowieso nie geung vorhanden sein kann, haben die Schöpfer der Suzuki Madura ihr eine Extraportion als eiserne Resever mit auf den Weg gegeben. Wie die Vmax kann die Madura vier Zylinder a 300 ccm vorzeigen, Wasserkühlung, vier Nockenwellen und 16 Ventile. Sie beläßt es aber bei rund 110 PS.

Das reicht allemal für all das barocke Blech und die komfortable Polstergarnitur, die sich über dem V4 auftürmen. Weil die Suzuki verwöhnen will, taugt sie auch für das Leben zu zweit und dümpelt sanft in ihren weichen Federn. Reichlich Chromputz und die blinkenden Räder mit den 60 flachgedengelten Chromspeichen geben auch auf dem Sunset Boulevard eine gute Figur ab.

Dazu paßt auch der Quattrophonie-klang aus den vier Auspuffrohren. Der respektgebietende helle Schlag ist keine hohle Phrase. Den im unorthodoxen 82-Grad-Winkel um die Kurbelwelle versammelten Zylindern ist es ziemlich egal, welche Drehzahl gerade ansteht. Sie entwickeltn ihre Kraft wie eine Dampfmaschine. Zwischen 2000 und 9000 Touren stürmt die Madura los, daß es einem um das Wohlergehen des vergleichsweise schmalbrüstigen hinterradreifens angst und bange wird.

Wie die Vmax versteht es auch die Madura, die Gelassenheit zu verbreiten, die V-Motoren mit ungleichmäßiger Zündfolge anhaftet. Zumal sie sich trotz ihrer 273 kilogramm Lebendgewicht als recht umgänglich entpuppt. Es gilt freilich, den betulichen Charakter des Fahrgestells zu akzeptieren. Bei Hochgeschwindigkeitsübungen jedoch schüttelt sich die Madura angewidert.

Vorausschauende Fahrweise empfehlen auch die Scheibenbremsen, die ohne herzhaften Händedruck nur mißmutig ihrem Geschäft nachgehen. Deshalb erscheint es empfehlenswert, sich die zeit auf der Madura damit zu vertreiben, in den sechs Gängen zu wühlen und so dem Motor neue Sound-Nuancen zu entlocken.

Laid back in the arms of Honda, mag sich der Konstrukteur der VF 1100 C wohl gedacht haben. Wie die Suzuki ist die Honda eine Sänfte mit Expreßzuschlag auf Abruf. Akustisch ist der Motor allerdings sehr sanft geraten. Er gibt sich ganz und gar kultiviert und brav und scheint seine Bauart fast verleugnen zu wollen.

Die beiden Kolbenzwillinge treten im rechten Winkel nach der Kurbelwelle, und das ganz kräftig. Denn trotz akustischem Understatement ist von Dekadenz keine Spur. Die feine VF 1100 C bleibt der Madura stets auf den Fersen. Bis 4000 Touren zieht sie wie ein Ochse, scheint dann bis 6000/min zu verschnaufen, um dann noch einmal hinzulangen wie ein reinrassiger Sportmotor, bis sie bei 10000 Umdrehungen in den roten Zahlen landet.

Zum sportlichen Fahren taugt die Honda aber so wenig wie die Suzuki, obwohl sie in Kurven erst ziemlich spät den Asphalt mit Metallspänen verziert. Aber wie der Madura fehlt es der Honda einfach ein wenig an Geradlinigkeit bei hohen Geschwindigkeiten.

Die meidet der Fahrer ohnehin, da er - ob er will oder nicht - den Gegenwind mit ausgebreiteten Armen empfängt. Aber es ist eben schon etwas Würdevolles, mit hoch erhobenem Haupt und linealgerader Wirbelsäule auf einer VF 1100 C oder einer Madura zu thronen.

Die Honda hat einen Riesenvorteil. Sie ist bei uns zu kaufen. Die Vmax kommt vielleicht irgendwann, dann aber natürlich als 100-PS-Kastrat. Über eine Europa-Tournee der Eleminator und der Madura ist noch nicht entschieden.

eines machen uns die glorreichen Vier klar: Uns fehlt nach all den Supersportlern etwas vom amerikanischen way of drive. Doch wie verkündet David Bowie: "This is not America". Leider.


 

Technische Daten*

*Herstellerangaben

Modell

Honda

VF 1100 C

Kawasaki

ZL 900

Suzuki

1200 Madura

Yamaha

Vmax

Motor

Vierzylinder Viertakt-90 Grad-V-Motor dohc

Vierzylinder Viertakt- Reihenmotor, dohc

Vierzylinder Viertakt-82 Grad-V-Motor dohc

Vierzylinder Viertakt-70 Grad-V-Motor dohc

Steuerung

je vier Ventile

Bohrung x Hub in mm

79,5 x 65,3

72,5 x 55,0

78 x 61

76 x 66

Hubraum in cm³

1098

908

1165

1198

Nennleistung in kw (PS)

74 (100)

77 (105)

81 (110)

107 (145)

Anzahl der Gänge

6

5

6

5

Sekundärantrieb

Kardan

Rahmenbauart

Doppelschleifen-Rohrrahmen

Reifen vorn

110/90 V 18

110/90 H 18

110/90 H 19

110/90 V 18

Reifen hinten

140/90 V 16

160/80 H 15

130/90 H 16

150/90 V 15

Bremse vorn, Durchmesser in mm

Doppelscheibe, 280

Bremse hinten, Durchmesser in mm

Scheibe, 300

Scheibe, 260

Scheibe, 280

Scheibe, 280

Fahrzeuglänge in mm

2340

2180

2020

2310

Sitzhöhe in mm

820

760

790

780

Nutzbare Sitzbanklänge in mm

370

450

400

630

Gewicht vollgetankt in kg

267

263

273

279

Tankinhalt in Liter

14

11,3

13

15

 

Meßwerte

Modelle

Honda

VF 1100 C

Kawasaki

ZL 900

Suzuki

Madura

Yamaha

Vmax

Beschleunigung
0-100 km/h in Sekunden

3,7

3,3

3,6

3,3

0-160 km/h in Sekunden

9,8

9,7

9,6

8,0

0-400 m in Sekunden

  12,1

11,8

11,9

11,5

Durchzugsvermögen 

100-160 km/h in Sekunden

8,9 

8,1*

8,9

7,2

* im fünften Gang 

Höchstgeschwindigkeit

sitzend in km/h

209

210

207

229

liegend in km/h

217

217

213

238

Verbrauch

Testverbrauch in Liter/100 km

10,2

9,4

10,5

10,5

Preis (USA) in DM

ca. 11.500

ca.15.000

ca. 12.732

ca. 12.730

Webseite erstellt von
Christian Hüttner